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Schöneberg
(Auszüge aus Berlin für junge Leute)
Aus einem Dorf am Rande Berlins wurde in den 20er Jahren der Hot Spot Berlins und Europas. Nirgends gab es eine größere Kneipendichte und mehr Freizügigkeit als hier. Sexuelle Ausschweifungen, experimentelles Theater und alles, was die roaring twenties ausmachte, fand hier seinen Ausgangspunkt. In den 20er Jahren wohnte hier um die Ecke Christoph Isherwood, auf dessen Erfahrungen der Film und das Musical „Cabaret“ basiert. In dieser Zeit hatten Haus und Gegend ihre Glanzzeit und galten als verruchteste Ecke ganz Europas, bis dann die Nazis das Licht ausmachten.
Ihr startet eure Tour am U-Bhf. Nollendorfplatz und euch fällt sicher gleich ein großer Bau ins Auge, das Metropol-Theater, in dem momentan das Goya residiert. Der Bau ist ein gutes Exempel für das Auf und Ab des Schöneberger Nachtlebens. Im West-Berlin der 70er und 80er Jahre feierte diese Gegend eine Wiederauferstehung, wovon das Café M und das Neue Ufer zeugen. Und heute? Als hätte es den Mauerfall nie gegeben, haben sich viele ehemalige Szeneläden hier gehalten, sind lässig älter geworden und lassen das Trendgeschreie der Szenebezirke wo es hin gehört. Da jede Woche ein neuer Laden aufmacht, gibt es auch immer wieder ein neues junges Publikum. Es verwundert auch nicht, dass die Homoszene bis heute das Viertel dominiert. In der angrenzenden Motzstraße findet ihr fast jede erdenkliche Spielart dieser (Sub-) Kultur, von plüschig in der Heilen Welt, witzig im Hafen, härterer Art im Tom’s Bar bis in die Fuggerstraße, wo sich die Fetischläden aneinanderreihen.
Wenn ihr die Straße 100 Meter weitergeht, seid ihr in einer anderen Welt, am Viktoria-Luise-Platz, mit Blumenrabatten, Wasserspielen, netten Mädchen und spielenden Kindern.
Die klassische Schönebergroute führt aber nicht zu diesem beschaulichen Platz, sondern vom Nollendorfplatz entlang der belebten Maaßenstraße zum Winterfeldtplatz mit dem bekannten Markt am Mittwoch und Samstag. Auf dem Weg dorthin passiert ihr Lokale wie das Berio, Nolle Pizza, Eckstein, Amrit, Slumberland, die Hot Dog & Burger World oder Habibi (seht im Adressteil nach, auf was ihr Lust habt).
In allen Stadtführern steht, dass der Markt am Winterfeldtplatz der schönste Berlins ist. Man kann es kaum noch hören, aber nach vielen Vergleichen müssen wir sagen: es stimmt. Manchmal trifft man dort Leutchen, die nach durchsumpfter Nacht noch übrig geblieben sind. Ein nettes Bild, wenn so ein verwegenes Exemplar auf die ökologisch korrekten jungen Mütter trifft. An den marktfreien Tagen trifft sich hier alles, was Rollen unter den Füßen hat.
Jetzt orientiert ihr euch an der katholischen Kirche: Dahinter geht ihr in die Goltzstraße. Hier findet ihr alles, was ihr braucht und noch viel mehr: ungewöhnliche Schuhe, edle Trödlerstücke und originelle Klamotten. An Restaurants gibt es auf ein paar hundert Metern die große Vielfalt: koreanisch (Ixthys), deutsch (Palladin Kochschule), persisch (Shayan), asiatisch (One and Only), spanisch (Tapas y más), griechisch (Ousies)… Danach einen Cocktail bei Mister Hu oder ins TeeTeaThé für die gepflegte Tasse Tee danach?
Das Ende der Goltzstraße ist aber nicht das Ende der Welt, gleich links in der Grunewaldstraße hat der Jäger und Sammler-Koch jeden Tag eine neue Idee und dann kommt die Akazienstraße, die immer lebendiger wird. Mittags ins Gottlob (falls ihr einen der begehrten Sonnenplätze ergattert), zu Kaffee und Kuchen ins Bilderbuch, den Espresso holt ihr euch im Double Eye. Beim Steak stellt sich die Frage nicht, der nagelneue Fleischversorger heißt to beef or not to beef, oder ihr entscheidet euch abends für bei ein korrektes Bier in der Möve im Felsenkeller.
Falls ihr nicht im Hotel oder Hostel wohnt, wollt ihr euren Gastgeber vielleicht überraschen, indem ihr für ihn kocht. Aber dann kommen die Fragen: Was ist im Kühlschrank, wo gibt’s die ganzen Zutaten und überhaupt… Was könnte man kochen? Überall auf der Welt gebt ihr jetzt auf, aber nicht in Schöneberg. Denn hier, am Ende der Akazienstraße, geht ihr einfach ins Kochhaus. Seit Ende 2010 gibt es dieses “begehbare Kochbuch” mit 20 Ständen zu 20 Rezepten. An jedem Stand findet ihr alle Zutaten, das Rezept und den passenden Wein dazu. Wer jetzt nicht zum Koch wird ist selber Schuld.
Wenn ihr den Kaiser-Wilhelm-Platz bzw. die Hauptstraße erreicht habt und damit das ganz alltägliche, völlig unszenige Schöneberger Dasein, könnt ihr euch bei Deko Behrendt mit Glanz und Plunder für euren weiteren Weg hübsch machen. Probiert doch um die Ecke etwas weiter westlich an der Tür des Havanna, ob es ankommt.
Oder ihr setzt euch in den Bus M48 oder M85 und erkundet das moderne Berlin am Potsdamer Platz und gebt unterwegs der legendären Potsdamer Straße eine Chance. Tagsüber gibt es hier viel Verkehrschaos, aber auch den ein oder anderen hübschen Laden zum Geld ausgeben; z.B. ganz schick Andreas Murkudis, oder Ave Maria (katholischer Kitsch). So oder so, zu einer Superstulle in der Joseph-Roth-Diele wird das Geld noch reichen. Auch nachts entwickelt sich die Straße recht positiv. Viele neue Galerien und diverse Lokale wie die Victoria Bar beleben die Gegend. Gleich gegenüber zieht das Wintergarten Variete die Touristenströme an. Noch eine Ecke weiter, im Kumpelnest, ist alles ganz anders und etwas gröber – eher etwas für die harten Nachteulen, aber auch eine Legende des Westberliner Nachtlebens.
Falls ihr dem Nachtleben oder Einkaufen nicht so zugetan seid und euer Interesse ein historisches ist, haben wir noch drei Tipps für euch: Das Rathaus Schöneberg, vor dem uns mitten im kältesten kalten Krieg John F. Kennedy mit den Worten „Ich bin ein Berliner“ zum Durchhalten ermutigte (Sa und So Flohmarkt, Konsum und Historie in einem). Am Kleistpark das Kammergericht, in dem während der Nazi-Diktatur der Volksgerichtshof herrschte und dann der alliierte Kontrollrat. Für die Reflexion der Geschichte gibt es vor dem Kammergericht den hübschen kleinen Kleistpark und am Rathaus Schöneberg den viele Kilometer langen Volkspark. Für Freunde von Stadtnatur und Eisenbahngeschichte gibt es das Schöneberger Südgelände!
Wer sich gern mit letzten Fragen beschäftigt, geht jetzt zum Alten St. Matthäus-Friedhof, nicht nur wegen der Prominentengräber (Gebrüder Grimm etc.) Im Gegensatz zu den rigiden deutschen Friedhofsvorschriften gibt es hier eine Schöneberger Freiheit, die es ermöglicht, auch nach dem Tod Individualist zu bleiben. Das sieht man an den originellen Grabstellen, oder beim Besuch in Deutschlands einzigem Friedhofscafé, dem Café Finovo.

