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Germany - seen with my jewish eyes

Cornelia Street Café in Greenwich Village. Einen Steinwurf entfernt tagt ein exklusiver Zirkel, von Hendryk Broder über Daniel Cohn-Bendit, Anetta Cahane, Julius Schoeps bis John Peck, um sich tiefgreifende Gedanken über die Zukunft jüdischen Lebens in Berlin und New York zu machen. Panel Discussion. Engagierte Zwischenrufe aus dem Publikum sorgen sich um jüdische Identität zum fin de siècle. Ein Hauch von Weltuntergangsstimmung wabert in dem hehren Senatssaal der New York City University.

Eine junge jüdische Schauspielerin betritt Robin Hirsch‘s Cornelia Street Café. Sie breitet ihre Pressetexte, Videos und Manuskripte aus. Springt auf, setzt einem völlig unbeteiligten Kaffeehausbesucher, der gerade scrambled eggs und decaf verschlingt, ihren Hut auf und beginnt - zum Entsetzen, Staunen und Vergnügen der restlichen Gäste - Texte aus ihrer Show zu rezitieren, zu spielen und zu musizieren. Innerhalb weniger Minuten ist Hirschs Café zur Synagoge geworden. Die Besucher werden zum Gebetsquorum; nicht einmal der zehnte Mann fehlt.

Wenige Augenblicke später kommt eine auch im fernen Berlin bekannte Jiddischlied-Sängerin, legt ihre CD vor und begreift nicht, warum die Blicke aller Gäste erwartungsvoll auf sie gerichtet sind. Ja, man erwartet eine neue breakfast-show, die es dann leider nicht gibt, denn das Gespräch am Frühstückstisch wird unter vier Augen geführt. Ein paar Augenblicke später kommt eine mit einem großem Rucksack beladene jüdische Filmemacherin, die sich nicht setzen kann, weil der große backpack kein Platz in dem inzwischen völlig überfüllten Kaffeehaus findet. Sie legt schweigend eine Videokassette auf den Tisch, sieht sich irritiert um und fragt sich, warum das Café zu dieser frühen Stunde überfüllt ist. Schließlich begreift sie, daß hier ein zufälliges Publikum die Vorbereitungen und Vorgespräche für die Jüdischen Kulturtage in Berlin erlebt, nimmt im Gedränge ihren Rucksack ab, zerrt ihre Videokamera heraus und hält die Situation fest, denn sie ist eine jüdische Dokumentarfilmerin der off-Szene. Augenblicke später kommt eine hier offenbar bekannte Schauspielerin, springt ohne Vorankündigung auf einen freigewordenen Stuhl und rezitiert aus ihrem d-book.

Die Gelehrten im Senatssaal der New York City University haben starke Zweifel, ob jüdisches Leben diesseits und jenseits des Atlantik im nächsten Jahrhundert oder sogar Jahrtausend die Möglichkeit eines Fortbestehens haben könne. Sie ahnen nicht die Existenz von Robin Hirschs Cornelia Street Café.

Am Nachmittag, beim Kosten eines vorzüglichen Rotweins, sagt Robin, daß sein Buch "Last Dance at the Hotel Kempinski", in dem er die Geschichte seiner Eltern aus Berlin via .... via London, via .... nach New York und im Geist auch wieder zurück, oder auch nicht, daß jedenfalls diese Geschichte auch im Hotel Kempinski hätte spielen können. Das ist so wahr, wie die 400 Meter, die zwischen der New York City University und dem Cornelia Street Café liegen.

Die Reihe "Germany - seen with my jewish eyes" ist der Versuch, Deutschlandbilder zu zeigen von Menschen, die nicht hier geboren wurden und doch hier leben - oder vielleicht auch nicht.

 

 

Kartenreservierung, Fragen, Kommentare jkt@herden.de

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