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11. November 1997 
bis 1. Februar 1998
Di-So 9-17 Uhr
und während der Vorträge
im Rahmen der Kulturtage
Eintritt frei


Matthäikirchplatz
Kulturforum
Berlin-Tiergarten 



Erwin Blumenfeld - Dada und Fotografie Sonderausstellung der Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin
in Zusammenarbeit mit den Jüdischen Kulturtagen

 

Im April 1938 besuchte der große englische Porträt- und Modefotograf Cecil Beaton das Pariser Atelier des seit kurzem dort niedergelassenen, in der Fotografie noch jungen Erwin Blumenfeld. Anschließend notiert er beeindruckt in sein Tagebuch: "Sein Verdienst als Künstler liegt in der Tatsache, daß er nicht zu Kompromissen bereit ist. Ich würde ihn gerne für Vogue arbeiten lassen, auch wenn seine Bilder keine Vogue-Qualitäten aufweisen, sie sind viel ernsthafter, provozierender und weit besser als Modefotografien... Hier ist ein frischer und ungetrübter Geist... Es gibt von ihm eine Aktserie, liegende, von nassen Draperien bedeckte Frauen, die so schön sind wie die Skulpturen der französischen Renaissance."

In diesen Jahren begann eine der rasantesten Karrieren der Fotografiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Erwin Blumenfeld (1897-1969) gelang innerhalb kurzer Zeit mit seinen graphisch gestalteten Bildschöpfungen, bei denen er neuartige Aufnahmetechniken wie auch Experimente in der Dunkelkammer lustvoll und erfolgreich einsetzte, der geschäftliche Durchbruch, so daß er die folgenden zwei Jahrzehnte zu den gefragtesten Mode- und Werbefotografen von Paris und New York zählte.

Stand bislang dieser Teil von Blumenfelds Karriere im Vordergrund des Interesses, so zielt die in Berlin anläßlich seines 100. Geburtstages gezeigte Ausstellung auf die Darstellung des gesamten künstlerischen Werkes dieses "Überlebenskünstlers", wie er sich selbst in seiner posthum erschienenen Autobiographie "Durch tausendjährige Zeit - Einbildungsroman" (Frauenfeld/Zürich, 1976) nannte. Blumenfeld durchlief einen für das 20. Jahrhundert exemplarischen Lebensweg, wobei die politischen Brüche durch das Ende des Deutschen Kaiserreiches, die beiden Weltkriege, die Diktatur des Dritten Reiches und seine dadurch erzwungene Emigration von zentraler Bedeutung waren.

1897 in Berlin als zweites Kind einer bürgerlichen, jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, erlebte Erwin Blumenfeld eine behütete Kindheit, eingebettet in wilhelminisch strenge Gesellschaftsnormen. Rückblickend erinnert er sich an ein starr reglementiertes Familienleben, an latent antisemitische Situationen in der Schule, an faszinierende Theater- und Zirkusaufführungen, an seine Begeisterung für Militärparaden und die Literatur im verbotenen elterlichen Bücherschrank, wie auch an erste Besuche im Kaiser-Wilhelm-Museum, wo ihm die halbverschleierte Lukretia Cranachs und Botticellis Venus die Erotik des verhüllten Körpers offenbarten. Seit 1910 im Besitz eines Fotoapparates, hielt der Halbwüchsige alles fest, was ihm wichtig erschien, darunter viele Porträts und Selbstporträts.

1913 ereigneten sich zwei folgenschwere Brüche im Familienleben: der geschäftliche Bankrott der väterlichen Schirm- und Stockfabrikation sowie im Herbst des Jahres der frühe Tod des Vaters, dessen Ursache (Syphilis) vor den Kindern verheimlicht wurde. Blumenfeld brach die schulische Ausbildung am Askanischen Gymnasium ab und trat eine in seinen Augen degradierende Lehre im jüdischen Konfektionsbetrieb Moses & Schlochauer an.

Zum "rettenden Notausgang" aus der bürgerlich-konservativen Umgebung wurden ihm nun die Erlebnisse mit seinem Schulfreund Paul Citroen, dem Sohn eines in Berlin ansässigen holländisch-jüdischen Pelzgroßhändlers. Gemeinsam knüpften sie Kontakte zu den Kreisen der künstlerischen Avantgarde, freundeten sich mit Walter Mehring, den Geschwistern Herzfelde, Erwin Piscator, Georg Muche und George Grosz an, nahmen an den legendären Abenden bei Else Lasker-Schüler teil, besuchten die Sturm-Galerie, in deren Buchhandlung Citroen 1916/17 arbeiten sollte, und verkehrten im berühmten Café des Westens. Blumenfeld schrieb Gedichte in der Art der Symbolisten, malte kleine, expressionistische Aquarelle und begann eine ausführliche Korrespondenz mit Lena, der holländischen Cousine Paul Citroens, seiner späteren Frau.

Diese prägenden Jugendjahre fanden durch Blumenfelds Einberufung zum Kriegsdienst ein abruptes Ende. Nach einer Grundausbildung zum Sanitätsfahrer erlebte er ab März 1917 an der Westfront grauenvolle wie auch irrwitzige Situationen, die fortan zu seiner absoluten Ablehnung jeglicher Obrigkeitshörigkeit führten.

Nach Kriegsende kehrte Blumenfeld lediglich für wenige Tage nach Berlin zurück und feierte hier mit seinem Freundeskreis ein übermütig-orgiastisches Abschiedsfest, bevor er zu Lena nach Amsterdam fuhr. Der berufliche Neuanfang fiel ihm nicht leicht: Zu Beginn im Buch- und Kunsthandel wenig erfolgreich, kam er als Einkäufer im Damenkonfektionsbetrieb Gerzon unter. Nach seiner Hochzeit eröffnete er 1923 in Amsterdams angesehener Kalverstraat die "Fox Leather Company", ein Geschäft für Lederwaren und Handtaschen, das er bis 1935 ohne wirtschaftlichen Erfolg führte.

Neben dem unbefriedigenden Berufsalltag intensivierte Blumenfeld seine künstlerische Arbeit, in seiner freien Zeit entstanden zahlreiche dadaistische Fotocollagen und Zeichnungen mit spielerisch eingesetzten Bildelementen und rätselhaften Wortschöpfungen. In vielen Blättern spiegelt sich Blumenfelds ambivalentes Verhältnis zu Berlin: Einerseits verachtetes, spießiges Zentrum des wilhelminischen Militarismus, verkörperte die Weltstadt Berlin auch alle erstrebenswerte Modernität und den künstlerischen Aufbruch.

 

Zur Fotografie kam Blumenfeld vermehrt ab 1932 durch die Entdeckung einer Dunkelkammer samt Balgenkamera in neu angemieteten Geschäftsräumen der "Fox Leather Company". Die als Kontaktabzüge erhaltenen frühen Porträt- und Aktstudien mit Modellen des Kunden- und Freundeskreis bezeugen einen äußerst unkonventionellen Umgang mit foto- und lichttechnischen Experimenten. Zwei Einzelausstellungen in der Galerie "Kunstzaal van Lier" erhielten zwar ablehnende Kritiken in der Lokalpresse, Blumenfeld hielt jedoch am eingeschlagenen Weg fest. Nach dem endgültigen Konkurs seines Geschäftes ließ er sich im Januar 1936 in Paris nieder, "um endlich Photograph zu werden". Das dort herrschende künstlerische Klima beflügelte ihn zu zunehmend surrealistischen Bildschöpfungen mit starken Lichtkontrasten, Verzerrungen und experimentellen Entwicklungstechniken wie Solarisation, Negativ-Druck und Mehrfachbelichtung. Trotz zahlreicher Porträtaufträge sowie Veröffentlichungen in der Kunstzeitschrift Verve und dem internationalen Jahrbuch Photographie dauerten Blumenfelds wirtschaftliche Nöte bis zu dem Moment an, in dem er Werbeaufträge der Kosmetikindustrie übernahm und 1938 durch Vermittlung von Cecil Beaton bei der französischen Redaktion von Vogue einen lukrativen Vertrag unterschrieb. Bald jedoch machte die Politik einen Strich durch die Rechnung: Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges verhinderte Blumenfelds weitere Pariser Tätigkeit, nach längerem Aufenthalt in Internierungslagern konnte die Familie im Juli 1941 durch einen Glücksfall nach Amerika emigrieren. In New York arbeitete Blumenfeld anfangs drei Jahre für Harper's Bazaar, 1944 wechselte er zum Verlag Condé Nast (Vogue u.a.) und setzte dort seine brillante Karriere als höchst ideenreicher Fotograf fort, dem wir zahlreiche Ikonen der Modefotografie verdanken. Seine Bilder, zumeist im Studio aufgenommen, sind formal spannungsvolle Kompositionen in eleganten Farben mit präzise bestimmtem Bildausschnitt, die das Wechselspiel von Kleidung und Körper thematisieren. In der Dunkelkammer wurden die Motive weiterbearbeitet, durch Doppelung verfremdet oder mit zusätzlichen Lichtern und Farben gestaltet.

1955 beendete ein ernstes Zerwürfnis die enge Zusammenarbeit mit Vogue, auch andere redaktionelle Aufträge wurden in den folgenden Jahren spärlicher. Blumenfeld widmete sich nun verstärkt seiner freien Arbeit mit Akt-, Porträt- und Landschaftsstudien. Diese Bilder sind wahre "Photo-Graphiken": in Licht gezeichnete lineare Strukturen, streng reduziert auf harte schwarz-weiß Kontraste, in denen die Volumen und Körper immateriell aufgelöst erscheinen.

Die 1960er Jahre waren für Blumenfeld von der intensiven Rückschau auf sein Leben geprägt: Er schrieb bis zu seinem Tod an der Autobiographie, eine sprachgewaltige, oft sarkastische Abrechnung mit seinem gesamten Lebensumfeld, mit Familie, Freunden und Auftraggebern. Sein Leben erscheint im Filter der Autobiographie als schillernde Collage, in der unterschiedliche Versatzstücke der Jugendzeit, erotische Phantasien, Horrorvisionen von Krieg und Tod mit unerfüllten Träumen zu einer doppelbödigen Realität verschmelzen. Er erweist sich hier - wie schon in den Jugendgedichten - als talentierter Geschichtenerzähler und kritischer Geist, der es verstand, die Erwartungen seiner Zeitgenossen zu verwirren und sie zu einem neuen Verständnis der Zusammenhänge von Leben und Vergänglichkeit aufzufordern. Blumenfeld ist am 4. Juli 1969 in Rom nach einem schweren Herzinfarkt gestorben.

 

Die als Retrospektive angelegte Sonderausstellung, von William A. Ewing konzipiert, war im Herbst 1996 in der Barbican Art Gallery London zu sehen, danach im Kunsthaus Zürich sowie im Musée de l’Elysée in Lausanne. Für die Berliner Präsentation, die die Kunstbibliothek in Zusammenarbeit mit den Jüdischen Kulturtagen veranstaltet, werden zwei Schwerpunkte aus Blumenfelds Œuvre hervorgehoben. Aus Blumenfelds Dada-Zeit sind weitere, bislang kaum bekannte Collagen, Briefe und Gedichtmanuskripte ausgestellt; ferner zeigt die Kunstbibliothek Objekte, die die zeitgenössische Rezeption von Blumenfelds fotografischem Werk und seinen Einfluß belegen. Hervorgehoben seien vor allem die aus der Lipperheideschen Kostümbibliothek hinzugezogenen Modezeitschriften, die eindrucksvoll zeigen, daß Blumenfeld seine Bilder hervorragend auf die Veröffentlichung hin konzipierte, wo durch eine adäquate graphische Gestaltung eine Steigerung der Bildwirkung erzielt werden konnte.

 

Text: Adelheid Rasche

 

Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin
Matthäikirchplatz, Kulturforum, Berlin-Tiergarten
11. November 1997 bis 1. Februar 1998, Eintritt frei
Öffnungszeiten: November: tägl. außer Montag 12-20 Uhr, Dezember / Januar: Di-Fr 9-17 Uhr, Sa / So 10-17 Uhr
Öffentliche Führung: Sonntags jeweils 15 Uhr,
am 16. 11., 30. 11., 14.12., 28.12. 1997, 18. 1., 1. 2. 1998.

 


Zur Ausstellung liegt die Publikation
"A fetish for beauty - Blumenfeld (1897 - 1969), sein Gesamtwerk" von William A. Ewing in Zusammenarbeit mit Marina Schinz vor (Zürich, Edition Stemmle, 256 S. mit zahlr. Abb.).





 

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Am 10. November 1997 (19:05-19:30 Uhr) bringt der Sender Freies Berlin, radio kultur (92,4 Mhz) folgende Sendung: "Zeit - Schönheit - Tod - Erinnerungen an den Fotografen Erwin Blumenfeld" von Janos Frecot.

 

 

 

 

 

 

 

 

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