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Wiener Mélange - Jüdisches aus Wien Als vor mehr als 325 Jahren der Große Kurfürst bis zu 50 jüdischen Familien aus Wien den Zuzug nach Berlin gestattete, begann der Aufstieg der kleinen Residenzstadt Berlin Cölln zur Metropole. Die Jüdische Gemeinde in Berlin war also am Anfang ihres Bestehens eine Wiener Kolonie. Vor zehn Jahren war von Mitteleuropa nicht mehr viel geblieben als die Kaffeetasse der Mitropa, denn der Eiserne Vorhang, der Europa trennte, hatte den Kontinent in einen östlichen und einen westlichen Teil geteilt. Die Mitte war dabei auf der Strecke geblieben. Berlin-Wien-Prag, die drei Metropolen Mitteleuropas, die sich in den ersten drei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts so unaufhörlich gegenseitig austauschten, waren auf drei zusammenhanglose Inseln reduziert. Die Berliner Festwochen 1998 haben versucht, die Beziehung zwischen Berlin und Wien ins Rampenlicht zurückzuholen und die Jüdischen Kulturtage versuchen nun das Jüdische Leben in Wien und Berlin wieder aufleben zu lassen. Als in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Jüdische Gemeinde in Berlin daran ging, ihren Gottesdienst musikalisch neu zu gestalten, engagierte man aus einem Quartett von Wienern Vorbetern, die in Berlin ein Gastspiel gaben, einen Kantor, um auf diese Weise an die - bis dahin nicht gedruckt vorliegenden - Kompositionen des Wiener Synagogalkomponisten Salomon Sulzer zu gelangen. Der Versuch schlug fehl, weil der Abgeworbene nur seinen Part kannte. Die anderen Stimmen aber fehlten. Wenn wir heute daran gehen, die Protagonisten Jüdischen Lebens aus Wien zu den Kulturtagen einzuladen, so geht es nicht um Abwerbung oder Kopie, sondern darum, einen Einblick zu gewinnen in das jüdische Denken Kulturschaffender und das Leben einer Gemeinde, die ähnlich wie unsere von der Shoah zerstört und geprägt von einer Handvoll unverbesserlicher Optimisten wieder aufgebaut wurde. Wir freuen uns auf die Begegnung mit Schriftstellern wie Joanna Nittenberg, Vladimir Vertlib oder Doron Rabinovici, mit Musikern wie Sandra Kreisler, Shlomit Bitbul oder den Epstein Brothers und mit der fotografischen Dokumentaristin Liesel Ponger. Wiener Mélange, das ist das Jüdische Leben zwischen Riesenrad und Eisenstädter Gasse, dem Quartier, in dem die große Wiener Synagoge steht und das wieder Mittelpunkt des Jüdischen Lebens geworden ist. Dabei soll nicht vergessen werden, daß der seit August in Berlin wirkende neue liberale Gemeinderabbiner eine längere Station in Wien gemacht hatte. Freilich um eine andere Beziehung Wiens zu bedienen: nämlich Südosteuropa. Wieder in eine andere Richtung, Richtung Budapest und Galizien, reichte der Einfluß des jüdischen Europas auf die Donaumetropole. Und all das zusammengenommen schlägt sich nieder in dieser Mischung aus Okzident und immer wieder Orient, denn in Wirklichkeit ist Jüdisches Leben immer der Einfluß unterschiedlichster Richtungen und Gedanken: Erst im Rückblick läßt sich feststellen, daß sich etwas Ureigenes - eben mit einem Ort verbundenes - aus dieser Mélange ergeben hat. Und so sind wir neugierig auf diese neueste Mélange Wiener Provenienz der letzten fünf Jahrzehnte. Jüdische Kulturtage haben in einer Zeit, in der Multikulturalität zu einem politischen Schlagwort geworden ist, auch eine politische Dimension. Sie sind Ausdruck der Offenheit der Jüdischen Gemeinde, die hiermit dokumentieren will, daß sie Anteil nimmt am kulturellen Leben dieser Stadt. Einen Anteil, der nicht verstanden - oder ja nicht mißverstanden werden sollte - als Beitrag. Denn Beiträge werden von Außenstehenden geliefert. Anteile haben Mitglieder der Gesellschaft. Im vergangenen Jahr stand New York im Mittelpunkt der Kulturtage. Künstler aus der Off-Szene in Brooklyn oder Down Town Manhatten, die mit beiden Beinen in den zu Kulturzentren umfunktionierten alten Sweatshirt-Schneidereien stehen und ihr Zuhause haben. Gerade da, wo die an die Fassaden geklebten Feuerleitern aus dem Boden kommen. In Wien findet das Ganze im Salon statt. Der Wiener Schmäh hat mit einer galanten Verbeugung vor dem American Klezmer etwas jüdisch-wienerisch Eigenständiges kreiert: Im Rücken das millionenhafte Morden von Auschwitz, mit einem tiefen Luftzug ausgeblasen, die Chuzpe einer sich selbst definierenden jüdischen Kleinkunst, die ihr Zuhause hat in Caféhäusern, Salons und Stadtpalais, die vom jüdischen Großbürgertum Ende des vergangenen - Anfang dieses Jahrhunderts errichtet wurden und jetzt als lebendiges jüdisches Museum - besser gesagt: jüdische Kunst- und Experimentierhalle - dokumentieren, daß man die Vergangenheit nur dann wieder lebendig lassen werden kann, wenn man sie - wie der American Klezmer es auch mit seinen Vorlagen tut - neu adaptiert und fortentwickelt. Andreas Nachama
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