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Klassik

 

Von der Wiener Klassik zur Wiener Schule
Vladimir Stoupel gestaltet Kammermusikkonzerte im Centrum Judaicum
Oranienburger Straße 28-29, Berlin-Mitte


16. November | Montag | 19:30 Uhr
Werke von Stutschewsky, Schubert, Ben Haim & Engel
Duo Rubin:
Ithay Khen Hanowitz (Violoncello)
Gabriela Gonda-Khen (Klavier)

17. November | Dienstag | 19:30 Uhr
Werke von Schubert, Mendelssohn-Bartholdy und Liszt
Vladimir Stoupel (Klavier)

18. November | Mittwoch | 19:30 Uhr
Werke von Toch, Schubert
Anna Rabinova (Violine)
Dimitri Tombassow (Violine)
Igor Budinstein (Bratsche)
Victor Yoran (Cello)
Vladimir Stoupel (Klavier)

19. November | Donnerstag | 19:30 Uhr
Werke von Mahler, Schulhoff, Dvorak
Anna Rabinova (Violine)
Dimitri Tombassow (Violine)
Igor Budinstein (Bratsche)
Victor Yoran (Cello)
Vladimir Stoupel (Klavier)

 

Klassik andernorts

Großer Saal der Philharmonie | 15. November | Sonntag | 20 Uhr
Jerusalem Symphony Orchstra
Leitung: David Shallon
Solist: Antonio Meneses
Werke von Dvorák und Elgar Gronich
Konzert im Rahmen der Feierlichkeiten "50 Jahre Israel"

Großer Saal der Philharmonie | 22. November | Sonntag | 16 Uhr
Werke von Mahler und Schulhoff
Vladimir Stoupel (Klavier)
und die Berliner Symphoniker under der Leitung von Lior Schambadal

Hochschule der Künste Konzertsaal, Bundesallee | 29. November | Sonntag | 20 Uhr
Werke von Prokofjew, Ravel, Milhaud, Bernstein u.a.
Vladimir Stoupel (Klavier)
Ensemble "Courage" u.a.


Von der Wiener Klassik zur Wiener Schule

Vladimir Stoupel gestaltet Kammermusikkonzerte im Centrum Judaicum

Wenn der 1962 in der UdSSR geborene Pianist Vladimir Stoupel in seiner Wahlheimat Berlin gastiert, sind seine hiesigen Abende inzwischen zu einer Art Geheimtip unter Musikfreunden geworden. Mit außerordentlichem Gespür für Programmkombinationen, die Bekanntes und Unbekanntes, neue und alte Musik verbinden, ist Vladimir Stoupel heute ein gefragter Gast auf internationalen Konzertpodien zwischen Paris und New York. Erinnert sei an Konzerte der ganz außergewöhnlichen Art, die ausschließlich h-Moll Kompositionen zur Aufführung brachten oder seine Kammermusikreihe zu den Jüdischen Kulturtagen im vergangenen Jahr.

Am 17. November bringt der Künstler Franz Schuberts Sonate a-Moll op. 143 D 784 zu Gehör. Der Komponist, der sich ein gutes halbes Jahrzehnt nicht mehr dieser Gattung bedient hat, ist ein anderer geworden. Mit gewaltigen Rhythmen und plötzlichen Kraftausbrüchen antwortet Schubert auf die drängenden Fragen der Zeit um das Entstehungsjahr 1823, die erst in der 48iger Revolution eine Lösung finden werden. Die Komposition findet sie nicht: Sie endet in erdrückend trüber Mollstimmung.

Die sich anschließenden 17 Variations sérieuses op. 54 von Felix Mendelssohn-Bartholdy lassen dem Zuhörer wie dem Spieler ein wenig mehr Ruhe. Und dennoch sind sie im seeligen Ausloten und schweren Seufzern der Melodik besonders reizvoll und gelten zu Recht als das klavieristisch-romantische Meisterwerk des Komponisten, von dem er selbst 1841 an einen Londoner Freund schrieb, daß er mit wahrer "Passion" an die Arbeit gegangen sei. Dann wieder Schubert, verfeinert durch Franz Liszt. Vier Lieder, "Sei mir gegrüßt", "Erlkönig", "Ständchen von Shakespeare" und "Aufenthalt" entführen in vier romantische und doch weit voneinander entfernte Welten. Zum Abschluß wiederum Mendelssohn-Bartholdy, der mit seinen "Liedern ohne Worte" ein neues Genre schuf. Er will Eindeutiges schaffen. So konzentrieren sich sein "Duetto" op. 38 Nr. 6, "Barcarolle op. 30 Nr. 6 und das "Spinnerlied" op. 67 Nr. 4 auf die klaviertechnische Auswertung ihres Grundmotivs. Nicht immer erreicht der Meister sein Ziel. Und so wird Wehleidiges, zuweilen Banales zu hören sein, das sich am Zeitgeschmack des bürgerlichen Salons orientiert. Und so verließ Mendelssohn dieses Genre alsbald wieder, als er seinem Verleger Simrock schrieb: "Wenn’s gar zu viel solches Gewürm zwischen Himmel und Erde gäbe, so möchte es am Ende keinem Menschen lieb sein." Dennoch folgten eine Unmenge weiterer "Lieder ohne Worte". Sein fünftes Heft widmete er Clara Schumann, das er bei einer Rußlandreise "bei der Kaiserin sogar dreimal" wiederholen mußte. Einen Abend später, am 18. November, konzertiert Stoupel mit Anna Rabinova (Violine), Dimitri Tombassow (Violine), Igor Budinstein (Bratsche) und Victor Yoran (Cello).

Der auf Berliner Konzertpodien kaum zu hörende Spätromantiker Ernst Toch ist eigentlich mehr in Grenzbereichen klassischer Musik zu Hause. Kompositionen für den Film und Jazzphantasien des 1964 gestorbenen Komponisten, der lange Jahre in Amerika verbracht hat, sind hierzulande bekannter. Durch ihren leichten, modernen, oft grotesken Stil vermitteln seine Klavierstücke und Kammermusikwerke immer Überraschendes. Sein nahezu unbekanntes Streichtrio sieht sich an diesem Abend im Kontrast zum "Forellenquintett" von Franz Schubert.

Am Abend des 19. November stellt Vladimir Stoupel gemeinsam mit Anna Rabinova (Violine), Dimitri Tombassow (Violine), Igor Budinstein (Bratsche) und Victor Yoran (Cello) mit Gustav Mahler und Antonin Dvorak zwei Komponisten in den Mittelpunkt, deren große symphonische Werke weit bekannter sind, als ihre Kompositionen für die Kammerrmusik Mahlers Klavierquartett und Dvoraks Klavierquintett A-Dur rahmen die Sonate für Violine und Klavier des Prager Komponisten Erwin Schulhoff ein, der als Pianist in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts zu den großen Hoffnungen der Avantgarde zählte. Ihr zugehörig wußte sich der Sohn einer hochmusikalischen deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie durch seine soldatischen Erlebnisse im 1. Weltkrieg die Schulhoff zu sarkastischer bis zynischer Ablehnung aller bisherigen bürgerlichen Werte führte. Das Leben des Max Reger Schülers fand 1942 ein von Tuberkolose gepeinigtes Ende im bayerischen Konzentrationslager Wülzburg. Sein Schaffen ist wohl eine der persönlichsten Sichtweisen der musikalischen Strömungen zwischen den Weltkriegen.

Die drei Kammermusikabende im Centrum Judaicum stellen ohne Zweifel einen Höhepunkt der diesjährigen Jüdischen Kulturtage dar. Sie bieten Einblick und Überblick zugleich, lassen den Hörer Beliebtes wiedererkennen und führen in Kompositionen und Schaffensperioden ein, die uns viel zu häufig verschlossen sind.

Lutz Lorenz

 

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