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Kronzeugen der Erinnerung
15. November | Sonntag | 20 Uhr 16. November | Montag | 20 Uhr 17. November | Dienstag | 20 Uhr 18. November | Mittwoch | 20 Uhr 19. November | Donnerstag | 20 Uhr und im Centrum Judaicum, am 26. November | Donnerstag | 20 Uhr Kronzeugen der Erinnerung Es ist kein Zufall, wenn der Satz, Literatur sei, was ein ‘Jid’ vom anderen abschreibt, aus Wien stammt. In keiner anderen deutschsprachigen Stadt lebten zu Anfang unseres Jahrhunderts so viele Juden. Ihr Beitrag zur Wiener Literatur war überragend. Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Karl Kraus, Joseph Roth, Peter Altenberg, Egon Friedell, Leo Putz, Franz Werfel, Elias Canetti... Die wenigen Zeilen reichten nicht aus, wollten wir alle ihre Namen aufzählen. Wohlgemerkt; Wien war eine Metropole, die vielleicht jüdisch, doch fraglos antisemitisch war. Wer von den jüdischen Kaffeehausliteraten schwärmt, muß ebenso an die Proponenten des heimischen Ressentiments denken. Hier feierte der populistische Antisemitismus seine ersten Wahlsiege. In dieser Stadt wohnten Herzl und Hitler, Freud und Lueger. Dieser Wiener Mélange ergab eine besondere Mischung. Das Schreiben jener Schriftsteller handelte davon; nicht selten erhoben sie Einspruch dagegen. Das Wien von Herzl, Schnitzler oder Mahler: Es existiert nicht mehr - und es wird nie wieder existieren. Es wurde ausgerottet. Wer immer hier ernstlich auf jüdische Wurzelsuche geht, wird auf Narben, auf Amputationen und Phantomschmerzen stoßen. Doch einige wenige Juden, die aus fremden Ländern stammen, leben wieder in Wien. Ohne von der Geschichte mancher Lokale, Cafés und Meiereien zu wissen, suchen sie die Orte wieder auf, aus denen andere jüdische Gemeinschaften bereits vertrieben wurden. Es ist wie in einer englischen Gespenstergeschichte; die Juden kehren in jene Viertel, in jene Nischen und Ecken der Gesellschaft zurück, die ihnen hier seit jeher vorbehalten blieben. In aller Unbescheidenheit; innerhalb der österreichischen Literatur ist der Beitrag jener, die unter anderem von ihrem jüdischen Herkommen oder Dasein in Wien schreiben, unübersehbar. Die Rede ist etwa von Robert Schindel, Elfriede Gerstl, Peter Stephan Jungk oder Vladimir Vertlib. Auch ich werde diesen Autoren zugezählt, obwohl wir keinen Kreis gegründet haben und über keine Vereinsstatuten verfügen. Wie sind Überbleibsel und Neubeginn. Wien ist Schauplatz einer merkwürdigen Wiedergeburt, die uns jenseits aller Metaphysik glauben macht, es gibt ein Leben nach dem Tod, nach dem Mord. "Ich bin im Hintenach ein Feuerchen", schreibt Robert Schindel. Diese Autoren schreiben keineswegs bloß von einschlägigen Themen, und schon gar nicht alle auf ein und dieselbe, auf eine ethisch definierte Art. Wenn zuweilen eine Gemeinsamkeit in ihrem Schreiben aufblitzt, dann ist das vielleicht jene merkwürdige Mesalliance zwischen Wiener Schmäh und jüdischem Humor. Doch die stilistischen Unterschiede überwiegen. Manche von ihnen sind Lyriker, andere Essayisten oder Romanciers. Auch ihre Biographien unterscheiden sich erheblich voneinander. Elfriede Gerstl überlebte des Nationalsozialismus mit ihrer Mutter im Verborgenen; als U-Boot in Wien. Robert Schindel wurde 1944 in Oberösterreich unter dem Decknamen Robert Soël geboren. Seine Eltern arbeiteten bis zu ihrer Verhaftung und Deportation im Untergrund. Peter Stephan Jungk ist im kalifornischen Santa Monica geboren und Vladimir Vertlib stammt aus Rußland; ich bin ein Sabre. Die Existenz Wiener jüdischer Schriftsteller nach 1945 ist ein Wiederspruch, der dem Verbrechen entgegenhallt. In diesem Zwieklang entstehen ihre Bücher. So werden die zu Kronzeugen der Erinnerung in der Metropole der Verleugnung, und hierin liegt ein Merkmal dieser literarischen Rennaissance, die sich in einer Umwelt, die allzu gerne vergessen möchte, dem Gedächtnis verschreibt. Ihre Fragen gehen mitunter vom jüdischen Dasein aus, sie gehen darauf ein; gehen darüber hinaus. Doron Rabinovici Zu den Autoren
Die Gastgeber: Robert Schindel und Doron Rabinovici Robert Schindel, der 1944 geborene und in Wien lebende Lyriker und Erzähler ("Im Herzen die Krätze", 1988, "Ein Feuerchen im Hintenach", 1992, "Die Nacht der Harlekine", 1994) liest Gedichte und aus seinem Roman "Gebirtig". Vladimir Vertlib, 1966 in Leningrad geboren und 1971 mit seinen Eltern nach Israel ausgewandert, lebt nach einer Odyssee durch die Niederlande, Israel und den USA seit 1981 in Österreich. 1995 erschien seine Erzählung "Abschiebung", daneben publizierte er zahlreiche Essays, Erzählungen und Feuilletons. Vladimir Vertlib liest aus "Abschiebung" und dem Essay "Ich und die Eingeborenen". Elfriede Gerstl, 1932 als Tochter eines jüdischen Zahnarztes in Wien geboren, überlebte die Zeit von 1938 bis 1945 mit ihrer Familie versteckt in Wien. Die Autorin von Hörspielen, Aufsätzen und Gedichten liest aus "Kleidflug" (1995) und "Die fliegende Frieda" (1998) Johanna Nittenberg, Herausgeberin der von Theodor Herzl begründeten Zeitschrift "Die Illustrierte Neue Welt", und Julius H. Schoeps, Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Wien und Professor am Moses Mendelssohn Zentrum für Europäische Studien der Universität Potsdam, sprechen über jüdische Kultur in Wien und Berlin. Peter Stephan Jungk, 1952 in Santa Monica (Kalifornien) geboren, hat seit 1967 in Wien, Berlin und Paris gelebt. 1981 publizierte er seinen ersten Erzählband "Stechpalmenwald" und seitdem mehrere Romane, Erzählungen und eine Biographie Franz Werfels. 1995 erschien sein Roman "Die Unruhe der Stella Federspiel", aus dem er an diesem Abend lesen wird. Doron Rabinovici, Sohn ostjüdischer Einwanderer, wurde 1961 in Tel-Aviv geboren und lebt seit 1964 in Wien. Er ist Historiker, Publizist und Schriftsteller. 1994 erschien sein Erzählband "Papirnik" und 1997 der Roman, aus dem er für uns lesen wird: "Suche nach M." Rafael Seligmann liest aus "Shalom meine Liebe"
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